Stress


In diesem Interview informiert Hanspeter Fausch, Mentalcoach und Spezialist im Umgang mit Leistungs- und Erfolgsdruck, über Stress.

Herr Fausch, als Mentalcoach kennen Sie die psychischen Leiden am Arbeitsplatz nur zu gut. Wie machen sich Leistungs- und Erfolgsdruck am Arbeitsplatz besonders bemerkbar?
Die Leute haben Angst – Angst vor Kurzarbeit, Angst vor einer Kündigung, Angst vor massiven finanziellen Einbussen. Wenn dann das Budget vorher schon knapp kalkuliert war, ist dies jetzt noch ein zusätzlicher Druck und das «Kartenhaus» könnte zusammenbrechen. Am Arbeitsplatz heisst das konkret: Mein Kollege wird zu meinem Konkurrenten, der ständige psychische Druck führt unweigerlich zu Konzentrationsmangel und erhöhten Ausfallzeiten in Form von Krankheitstagen. Dies führt wiederum zu mehr Druck am Arbeitsplatz.
In allen Branchen ist man sich bewusst, dass man von den Mitarbeitern und Führungskräften noch mehr abverlangt. Zeitdruck, Belastungen, Erfolgsdruck, Umgang mit den Veränderungen, unregelmässige Arbeitszeiten und jetzt noch die Rezession.
Nur, das alles findet zu einem grossen Teil auch in den Köpfen der Menschen statt. Solange wir um die Themen Zeitdruck, Arbeitsplatzverlust, Lohneinbusse etc. sinnieren, können wir auch nur negative Resultate hervor bringen und unsere Motivation sinkt. Erfolg beginnt im Kopf – die Niederlage auch.

 

Was kann aus Ihrer Sicht mit Betroffenen passieren, wenn sie nichts gegen diese Symptome und Anzeichen unternehmen?
Im Beruf nimmt die Leistung ab, dies führt zu noch mehr Druck am Arbeitsplatz, denn auch ihre Vorgesetzten müssen ihre Leistungsziele erreichen. Der zunehmende Druck schlägt dann schnell in Angst um. Damit ist unser «lymbisches System», das Angstzentrum im Gehirn in ständiger Alarmbereitschaft. Dieses ist wiederum verantwortlich, dass wir anfälliger auf virale und bakterielle Krankheiten werden, weil wir weniger körpereigene Morphine produzieren. Dadurch nimmt die Leistungsgrenze massiv ab, Gedanken des Versagens verstärken sich und wir können in eine Erschöpfungsdepression fallen, was im Volksmund vielfach mit «Burn out» bezeichnet wird.
Auch zieht die ständige Alarmbereitschaft im Gehirn im privaten Umfeld seine Kreise: Wir sind allgemein gereizter, können nicht mehr abschalten, bekommen Schlafstörungen bis hin zu Erektionsstörungen. Der soziale Austausch mit Familie und Kollegen und Freizeitbeschäftigung wird vernachlässigt und man schlittert dadurch noch mehr in die Erschöpfung. Kurzfristig können wir dieser Erschöpfung mit Medikamenten oder leider auch Alkohol beikommen. Dem Teufelskreis können wir aber langfristig nur mit einer Verhaltensänderung beikommen. Diese ist wiederum nur im Kopf zu bewerkstelligen.


Wie würde ein Mentalcoach diese Symptome konkret mit gezieltem mentalem Training als Alternative oder Ergänzung zur herkömmlichen Symptombekämpfung angehen?
Jeder Veränderungsprozess ist in vier Stufen aufgeteilt:
1. Zuerst muss jemand erkennen, dass etwas nicht stimmt und das ist nicht immer einfach
2. Dann muss er/sie darüber reflektieren, warum es zur Leistungsminderung, Angst oder Erschöpfung kommen konnte.
3. Danach muss er/sie sich ein Modell des veränderten Verhaltens in der Zukunft entwerfen (Spaziergänge, Sport, Kurse zur allgemeinen Entspannung, Zeit zum Lesen etc.).
4. Jetzt muss er/sie dieses Modell im Alltag ausprobieren und immer wieder Anpassungen vornehmen, bis das Verhalten die gewünschten Resultate ergibt.
Dabei ist es sinnvoll, einen solchen Prozess professionell begleiten zu lassen. Sei es in einem Seminar oder in einem Coaching. Das gezielte Mentaltraining beinhaltet auch Techniken, die z.B. aus dem Sportmentaltraining oder dem Businessmentaltraining entlehnt sind, um einen Veränderungsprozess zu beschleunigen. Dabei kann der Mentalcoach als Ideenlieferant oder als «Spiegel» dienen. Er kann mithelfen, dass der Prozess im Fluss bleibt.
Schön wäre es, wenn ein Kunde in ärztlicher Behandlung ist, Arzt und Mentalcoach dabei zusammen arbeiten würden. In einzelnen Fällen durfte ich solche Erfahrungen schon machen und wir konnten voneinander sehr viel lernen.


Ärzte wie auch Apotheker und Drogisten kämpfen Tag für Tag mit hohem Leistungsdruck. Sie haben bereits grosse Erfahrungen mit medizinischem Fachpersonal gemacht. Welche Erfolge konnten Sie bzw. die Teilnehmenden an Ihren Kursen verzeichnen und wie nachhaltig sind diese Erfolge?
Eines was wir immer wieder hören, ist, dass man durch Mentaltechniken, energievoller an die Arbeit geht und mit kurzen Übungen über den Arbeitstag hinweg viel vitaler ist. Wir trainieren die Teilnehmenden unserer Kurse z.B. eine einfach zu erlernende Methode zum schnellen Herunterfahren nach einer stresshaften Situation im Arbeitsalltag. Wir bringen den Teilnehmern auch eine einfache Einschlafmethode bei, die wir aus der Nasa entlehnt haben. Ruhig einschlafen ist eine wichtige Grundvoraussetzung, damit Geist und Körper den Tag über leistungsfähig bleiben. Mittels Powernaps z.B. über die Mittagszeit kann man in nur 15 Minuten seinen Energiehaushalt schnell wieder aufladen.
Die Nachhaltigkeit solcher Erfolge hängt natürlich vom Training ab und wie konsequent ich solche Formen der Energiezufuhr im Alltag einbaue. Wir müssen ja nicht das gesamte Leben umkrempeln. Es reichen 10 – 15 Minuten über den Arbeitstag verteilte Kurzübungen, damit Sie übermässigen Leistungsdruck immer wieder abbauen können und sogar noch genügend Energie besitzen, damit Sie am Feierabend oder am Wochenende auch noch Beschäftigungen nachgehen können, die sie gerne machen.


Wie kann man das mentale Training zur Bekämpfung von Stressgefühlen in den Alltag miteinbeziehen auch ohne permanente Hilfe durch einen erfahrenen Trainer?
Ein gutes Mentaltraining oder Coaching zeichnet sich dadurch aus, dass man den Teilnehmenden in einem Kurs oder einem Coaching Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Sie müssen schon nach den ersten Kursstunden merken und erleben, dass sie Leistungs- und Überforderungsspitzen mit einfach zu erlernenden Techniken bekämpfen können. Ein Coaching oder ein Kurs soll dazu beitragen, das Erlernte im Berufsalltag einzubauen. Wir bieten zum Beispiel nach einem Kurs standardmässig ein E-Learning an, in dem wir die Kursteilnehmer noch zwei Monate lang nach dem Kurs regelmässig dazu auffordern, ihre Resultate zu dokumentieren und sich mit anderen Kursteilnehmern auszutauschen. Dies sind gute Voraussetzungen, damit ein Kurs nicht ein tolles «Event» bleibt, sondern dass das Erlernte auch im Alltag integriert wird. Und nur wenn dies gelingt, sprechen wir von einer erfolgreichen Lernveranstaltung.


Herr Fausch, herzlichen Dank für dieses interessante Interview!

Wir freuen uns auf Ihre Meinung zu diesem Interview.
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